Meiner Meinung nach hat Joseph Heinrich Beuys mit 'Stuhl mit Fett' also keine Kunst geschaffen, sondern vielmehr einer grausamen Wahrheit ein Gesicht verliehen, eine Vision sicht- und greifbar gemacht und ihr einen Körper geschaffen und niemand scheint zu merken, wie wir alle letzten Endes nur eines sind: Fett auf unserem eigenen Stuhl.
Stuhl mit Fett - Portrait der Norm
Viele kennen es, keiner kann es wirklich
erklären, Joseph Heinrich Beuys Kunstwerk 'Stuhl mit Fett'. Ich
will nicht versuchen, eine Erklärung darüber anzustellen, was
sich jemand dabei denkt, wenn er eine Menge altes Fett nimmt, es
auf einem Stuhl in Dreiecksform drapiert und zur Kunst
deklariert, denn in gewisser Hinsicht ist Kunst nichts
anderes als verklärter Wahnsinn.
Vielmehr sehe ich dieses Werk als
sozialkritisches Portrait der Moderne und
Norm.
Viele sagen, Fett gehöre nicht auf einen
Stuhl. Täglich sehen wir allerdings etwas völlig anderes. Im Café,
im Restaurant, in der U-Bahn, bei Ämtern, überall sehen wir
es; Fett auf einem Stuhl und viele verfolgt es mit aller
Vehemenz, die ihm innewohnt sogar bis in die eigenen vier Wände.
Sicherlich habe ich nichts gegen fettleibige Menschen, einige
meiner besten Freunde sind übergewichtig und überhaupt nagt der
allgemein vorherrschende Magerwahn nicht nur an meinen Nerven,
sondern auch an den Grenzen des guten Geschmacks und entbehrt oft
jeglicher Moral und Selbstverantwortung aber was, wenn es genau
anders herum ist?
Gerade in Deutschland und Amerika lebt die
Gesellschaft eine ungesunde Doppelmoral. Was wir sehen wollen sind
schlanke, hübsche Aphroditen und Adonen, was wir bekommen und wozu
wir uns selbst machen ist ein speckbäuchiger Bacchus, der uns aus
dem Spiegel fröhlich entgegen grinst, die Trauer über sein eigenes
Dasein tief in den verquollenen Augen.
Wieso quält der Mensch sich mit diesem
Zwiespalt und das völlig freiwillig, anstatt einfach etwas kürzer
zu treten, sich Zeit zu nehmen für Dinge, die uns wichtig sein
sollten, wenn wir nach unserem angeblichen Schönheitsideal streben,
kochen zum Beispiel oder Sport? Stress und Zeitdruck sind sicher
oft ein Grund dafür aber oft genug ist es auch einfach nur
Faulheit, die zu rechtfertigen wir so viel gute Zeit verschwenden
auf der Suche nach Ausreden, warum dies nicht, warum das nicht und
warum nicht jetzt, sondern später oder am besten gleich gar
nicht.
Vielleicht ist es aber auch einfach nur
unsere Gier nach Neid, die uns zur Trägheit verführt, ein Zeugnis
dafür wie tief verdorben die Grundsäulen des menschlichen Daseins
sind und wie schwer es sein kann, die Klippen zu umschiffen, die
spitz und steil vor uns allen aufragen.

